Der Hype um Papier statt Plastik - wirklich die bessere Alternative?

Es ist üblich geworden, den großen Bösewicht unter den Verpackungen: Plastik, durch angeblich umweltfreundlichere Verpackungsmaterialen wie Karton oder Papier zu ersetzen. Insbesondere im Bereich der Einmalnutzung fällt dies auf. Doch ist Papier wirklich so viel umweltfreundlicher als Plastik? In diesem Artikel möchten wir anhand eines worldwatchers Product Carbon Footprints-Beispiels die Schattenseiten von Papierverpackungen beleuchten.

CO2-Rechner
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November 25, 2021

Die meisten von uns kaufen in der Vorweihnachtszeit Geschenke ein, sei es im Geschäft oder online, und tragen ihre Einkäufe in verschiedenen Verpackungen mit sich herum. Verpackungen sind für Unternehmen vorteilhaft, weil sie 1) das Produkt schützen, 2) ein Werbeträger sind und 3) den Transport des Produkts erleichtern. Verpackungen verursachen jedoch erhebliche Umweltschäden, sowohl bei der Herstellung als auch am Lebensende. Bei worldwatchers haben wir uns mit der Umweltproblematik rund um Plastik und Papier beschäftigt und anhand eines Tragetaschen-Product Carbon Footprints (PCF) einen Vergleich zwischen diesen beiden Verpackungsarten, sowie einer weiteren Alternativen vorgenommen.

Im Jahr 2018 lag der Verbrauch von Papier-/ Kartonverpackungen in Deutschland bei rund 8,3 Millionen Tonnen, und das von Kunststoffverpackungen bei rund 3,2 Millionen Tonnen. Das zeigt, dass wir auch in Zukunft ohne Verpackungen in verschiedene Lebensbereiche nicht auskommen werden und unterstreicht die Bedeutung ihrer Berücksichtigung in den Produkt-Carbon-Footprints.

Um die CO2-Fußabdrücke dieser beiden Materialien besser vergleichen zu können, führten die CO2-Experten von worldwatchers eine PCF-Analyse einer Papiertasche und einer Plastiktüte durch. Für den besseren Vergleich von Alternativen zu Plastiktüten und Papiertaschen wurden zwei weitere PCF-Analysen einer EU- und nicht-EU Baumwolltasche vorgenommen.

Berechnungsmethodik

Für den Tragetaschenvergleich werden die Product Carbon Footprints mit der bottom-up Berechnungsmethode und dem Berechnungsrahmen "cradle to cradle" von je einer konventionelle Plastiktüte und eine Papiertasche durchgeführt. Das bedeutet, dass der CO2-Fußabdruck des Produktes von Rohstoff, Herstellung über Gebrauch und Entsorgung bewertet werden. Für die Alternative wird zudem ein PCF „cradle to point of sales“ von je eine konventionelle Baumwolle-Tragetasche und eine Baumwolle Tragetasche „made in EU“ berechnet. Das bedeutet, dass der CO2-Fußabdruck des Produktes von Rohstoff und Herstellung. In diese Analyse sind nur die Greenhouse Gas Emissionen berücksichtigt und nicht weitere Umwelteinflüsse, wie zum Beispiel Mikroplastik. Annahmen, die der Berechnung zugrunde liegen, stehen am Ende des Artikels.  

Papier vs. Plastik: Was ist besser?

Laut einer Studie der Organisation TwoSides, die in mehreren EU-Ländern durchgeführt wurde, stehen Verpackungen aus Papier und Karton aus vielen Gründen bei den Verbrauchern in Sachen Nachhaltigkeit an erster Stelle, unter anderem weil sie zu Hause kompostierbar sind (72%), besser für die Umwelt sind (62%) und sich leichter recyceln lassen (57%).

Der Vergleich von Karton- und Plastikverpackungen zeigt, dass Karton aufgrund seiner Materialeigenschaften weniger schädliches CO2e ausstoßt. Eine 25 g Papiertasche mit einem Recyclinganteil von 75% hat einen PCF von 42,6 g CO2e, während eine 20 g Polypropylen-Plastiktüte mit einem Recyclinganteil von 10% 58,7 g CO2e über ihren gesamten Lebenszyklus erzeugt. Somit verursacht die Papiertüte fast 28% weniger CO2e als die Plastiktüte.

Dies ist größtenteils darauf zurückzuführen, dass es sich um ein Material handelt, das im Gegensatz zu Kunststoff biologisch abbaubar ist und zudem weniger Chemikalien enthält. Was jedoch die Umwelt betrifft, so erreicht das Recyclingsystem für Papier in Deutschland zwar einen Rekordwert: Laut Umweltbundesamt lag die Recyclingquote im Jahr 2018 bei 75 %, aber für die Produktion werden große Mengen an Holz, Wasser, Energie und Chemikalien verbraucht. Dazu zählt die Papierindustrie auch zu den fünf energieintensivsten Branchen in Deutschland (die Herstellung einer Tonne Papier aus frischen Holzfasern benötigt, laut Umweltbundesamt, genauso viel Energie wie die Herstellung einer Tonne Stahl). Zudem ist die Wasserintensität bei der Papierherstellung beträchtlich.

Papier - ein falsches Image?!

In der EU und in Deutschland wurden zahlreiche Vorschriften zum Schutz der Wälder eingeführt. Etwa 80% der Rohstoffe, die in Deutschland für die Papierherstellung verwendet werden, stammen aus dem Ausland. 40% der Zellstoff, der in deutschen Papierfabriken verwendet wird, stammt aus Skandinavien. Finnland wiederum importiert einen Teil seines Holzes aus Russland, wo ebenfalls Urwälder abgeholzt werden. Auch tropische Regionen sind betroffen. Deutschland importiert zum Beispiel fast ein Viertel seines Zellstoffs aus Brasilien. Dort verschwindet der Urwald aufgrund von Übernutzung in dramatischer Weise. Zudem wird ein großer Teil des Holzes illegal geschlagen. Somit trägt die Verwendung von Zellstoff für die Papierproduktion in Deutschland indirekt zur weltweiten Waldzerstörung bei. Darüber hinaus tritt ein weiterer Rebound-Effekt auf, der den Wasser-Fußabdruck beeinflusst: Aufgrund des Imports von Zellstoff und Papier ist der Wasserverbrauch in Wirklichkeit deutlich höher als der Wasserbedarf der deutschen Papierindustrie.

Eine Frage der Haltbarkeit

Nach der Studie von TwoSides, sehen 62% der befragten Europäer Papier/Pappe als besser für die Umwelt. Allerdings gaben 27% der Befragten an, dass sie eine Papiertüte 2- bis 3-mal wiederverwenden, gefolgt von 22%, die sie in der Regel nur einmal verwenden. Dieses Ergebnis steht im Gegensatz zu dem Ergebnis für Plastiktüten. Denn 25% der Befragten würden eine Plastiktüte mehr als 10-mal wiederverwenden. Dies lässt sich vor allem durch die unterschiedliche Haltbarkeit der beiden Materialien erklären. Plastik ist aufgrund seiner chemischen Zusammensetzung wasserfest, was es schwer biologisch abbaubar, aber robuster macht. Papier hingegen ist nicht wasserfest und daher leichter biologisch abbaubar, aber auch zerbrechlicher und daher weniger wiederverwendbar.

Die Entsorgung macht den Unterschied

Wie in den Annahmen erwähnt, landet trotz der Recyclingquote der Großteil der in Deutschland verwendeten Kunststoffverpackungen in Deponien Südostasiens. Denn als recycelt gilt alles, was in einer Sortieranlage landet und stofflich verwertet wird. Dazu zählt aber auch der Export ins Ausland. Leider ist es für uns als Verbraucher schwierig, sicherzustellen, dass die Verpackungen tatsächlich bei der Erreichung der Deponien im Ausland recycelt werden. Die Realität ist, dass unsere Verpackungen dort die Landschaft verschmutzen und oftmals ihren Weg in Flüsse, Meere und Ozeane finden. Da Plastik nicht biologisch abbaubar ist, kann die Plastiktüte zahlreiche Umwelt- und Gesundheitsschäden verursachen, wie z. B. das Austreten schädlicher Chemikalien, die sich im Grundwasser ausbreiten, die Landung in den Meeren, die dazu führt, dass Meerestiere Mikroplastik aufnehmen, etc.

Was bedeutet das für den Endkonsumenten?

Bekanntlich hat Plastik viele Nachteile. In Form von Tüten erstickt es Meerestiere, zerfällt in Mikroplastik, das die Umwelt kontaminiert, und verschmutzt die Natur. Die Alternative aus Papier oder Pappe kann jedoch genauso schädlich sein, wenn es um die Herstellung, den Transport und das Lebensende (Recycling oder Verbrennung) geht. Es geht also darum, unseren Konsum zu überdenken, um ihn generell zu reduzieren. Deswegen geht es darum intelligenter zu konsumieren d. h. lokale und wenig oder gar nicht verpackte Produkte zu bevorzugen, unabhängig von der Art der Verpackung. Um den CO2-Fußabdruck der Verpackung möglichst gering zu halten, geht es bestenfalls darum, sie so lange wie möglich wiederzuverwenden. Schließlich können auch andere Maßnahmen einen echten Unterschied machen, wie z. B. die Änderung von "Standard"-Systemen, bei denen Verpackungen optional oder nur auf Anfrage für bestimmte Produkte erhältlich sind.

Reusable statt Disposable

Schließlich, und um auf unser Taschen- und Tütenbeispiel zurückzukommen, möchten wir die Bedeutung ihrer Wiederverwendbarkeit hervorheben. Die Papiertüte erzeugt fast 28% weniger CO2 als die Plastiktüte mit einem CO2-Ausstoß von 42,6 g versus 58,7 g. Die Baumwolltasche hingegen würde mit 429,4 g je produzierter Tasche etwa zehnmal mehr CO2 freisetzen als die Papiertasche. Allerdings ist die Alternative aus EU-Baumwolle, die in der EU hergestellt wird, zwar wahrscheinlich teurer in der Anschaffung, aber in Bezug auf den CO2-Ausstoß viel besser für die Umwelt. Diese Tasche würde 37% weniger CO2 freisetzen als eine Tasche aus herkömmlicher Baumwolle. Die EU-Baumwolltasche würde also 6,4 Mal mehr CO2 freisetzen als die Papiertasche, ihre langfristige Nutzung sollte diesen Emissionsunterschied jedoch ausgleichen. Die beste Option wird immer die Verwendung einer lokal hergestellten Tasche aus robusten, öko-basierten Materialien sein, die immer wieder verwendet wird und möglichst reparierbar ist. Die Wiederverwendung gilt nicht nur für Taschen, sondern auch für andere Produkt- und Verpackungskategorien, wie Kaffeebecher, Paketverpackungen etc. Denn der Product Carbon Footprint hängt auch von der Lebensdauer des Produkts ab und davon, wie wir als Verbraucher damit umgehen. Darüber hinaus können wir viel von Unverpackt Läden lernen - und versuchen die Philosophie und Methode in komplexen Lieferketten  von Unternehmen und natürlich in andere Lebensbereiche in unserem Privatleben zu übertragen.

Sie sind an einem CO2e-Ranking in Ihrer Branche interessiert, dann kontaktieren Sie uns gerne.
Berechnungsmethodik-Annahmen:
Folgende Annahmen liegen der Berechnung zugrunde:
  • Baumwoll-, Papiertaschen und Plastiktüten wiegen jeweils 75 g, 25 g und 20 g.
  • Die Baumwolltasche "Made in EU" ist aus EU-Baumwolle hergestellt und wird in der EU produziert.
  • Plastiktüten bestehen aus Polypropylen.
  • Papier- und Plastiktüten bestehen zu 75 % bzw. 10 % aus recyceltem Material. Für die CO2-Analyse wird angenommen, dass die Materialien entweder verbrannt oder recycelt werden. In der Realität landen sie jedoch zu 90% auf einer Mülldeponie.
  • Annahme über Tragetaschennutzung ist in cradle to Point of sales nicht berücksichtigt, da leider keine Daten über die Nutzung vorhanden sind.

Quellen:

Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND) – Friends of the Earth Germany (2021) Abfallvermeidung und -verwertung: Klima- und Ressourcenschutz.

Breitkopf, A. (2021, 12. Oktober) Verbrauch von Verpackungen nach Materialart in Deutschland im Jahr 2018. Statista GmbH

Corréard, V. (2021, 7. März) Zéro déchet : gourde et tote bag pas toujours écolos. Franceinter

Greenpeace Wuppertal (2015) Papier sparen – recyceln – Wälder ökologisch nutzen

Iggesund Paperboar (2020) Pourquoi le papier est-il préférable au plastique?

IPV Industrieverband Papier- und Folienverpackung e.V. (2019, 18. Oktober) Sind Papiertüten wirklich schädlich für die Umwelt? Faktencheck rund um die Papiertragetaschen

Jonas, U. (2020, 11. März) Was passiert wirklich mit unserem Plastikmüll? 7 Antworten. Focus Online

Knoblauch, J. A. (2020, 9. April) Environmental toll of plastics. Environmental Health News

Two Sides (2020) Der Packaging Report 2020

Umweltamt Deutschland (2018, 23. August) Papierherstellung, Papierkonsum und die Folgen für die Umwelt

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